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14. Mai
5 Min. Lesezeit

David und Goliath -

die unsichtbare Rüstung unserer Kinder





Da kam dieser Anruf.

Bei mir.

Und ehrlich?

Damit hätte ich niemals gerechnet.


„Dein Sohn hat heute meine Tochter angegriffen.“


WHAT?!


Im ersten Moment war ich innerlich komplett festgefroren.

„Mein 6-Jähriger greift eine Neunjährige an.

What the Fu…?!“


Tatort: Bushaltestelle vor der Schule.

Kurz nach Unterrichtsschluss.


Hannelore (Name natürlich geändert)

steht dort und wartet auf ihren Bus.

9 Jahre alt. 4. Klasse.

Eine Freundin meiner Kinder.

Eigentlich ein starkes Mädchen.

Und trotzdem merkt man ihr manchmal an, dass sie verunsichert ist.

Denn das Thema „Ärgern“ gab es in der Schule leider nicht zum ersten Mal.


Dann kommt Hans dazu (Name natürlich geändert).

Ebenfalls 9 Jahre alt.

Frech, laut, willensstark.

So ein typischer Junge, der in Gruppen gern den Ton angibt.

Auch ein Freund meiner Kinder.

Auch er ein echt starker Kerl.


Hans beginnt, Hannelore wegen ihrer Brille und Augenklappe zu ärgern.

Mein Sohn steht daneben.

Hans fordert ihn auf mitzumachen.

Und mein Sohn macht mit.

Ohne groß nachzudenken.


Am Ende steht dort ein weinendes Kind.

Und ich bekomme kurz darauf diesen Anruf.


Klarer Fall:

Mein Sohn war Mittäter.


Und ich will ehrlich sein:

Ich habe da gar nicht groß diskutiert oder irgendetwas schön geredet.

Er hat sich falsch verhalten.

Punkt.


Und trotzdem…

war da plötzlich noch etwas anderes in meinem Kopf.

Denn mein Sohn zog sich innerlich sofort zurück wie in ein kleines Schneckenhaus.

Aus Scham.


Er wusste selbst nicht richtig, warum er das gemacht hatte.

Ich schon.

Er wollte dazugehören.


Ich weiß, wie sehr er zu den „großen coolen Jungs“ aufschaut.

Zu seinem großen Bruder.

Zu älteren Kindern.

Zu den Lauten.

Und plötzlich macht man eben mit.

Ohne groß nachzudenken.

Weil man dazugehören will.


Zum Glück hat die Geschichte am Ende noch eine schöne Wendung bekommen.

Mein Sohn besorgte einen kleinen Freundschaftsanhänger und entschuldigte sich bei Hannelore.

Auch Hans entschuldigte sich.

Heute spielen sie wieder miteinander.

Kinder können manchmal erstaunlich ehrlich bereuen.


Und trotzdem hat mich diese Situation nicht mehr losgelassen.

Denn sie erinnert mich an eine meiner absoluten Lieblingsgeschichten:

David gegen Goliath.

Jeder kennt sie vermutlich.

Falls nicht: Altes Testament, 1. Samuel 17 (Achtung, Spoileralarm)


Da steht David.

Ein vermutlich schmächtiger Teenager.

Hirtenjunge.

Harfenspieler.

Keine schwere Rüstung.

Keine besondere Größe.

Keine Macht.

Und ihm gegenüber?


Goliath.

Ein Riese.

Laut.

Einschüchternd.

Der Typ Mensch, vor dem alle Angst haben.

Naja, er ist auch ein 3 Meter großer Riese.


Und das Verrückte daran?

Nicht nur die Feinde unterschätzten David.

Sogar seine eigenen Leute lachten ihn aus.

„Der Kleine? Der will kämpfen?“

„Der hat doch überhaupt keine Chance.“


Aber David hatte etwas, das viele längst verloren hatten:

Vertrauen. Mut. Glaube.

Er kannte seine Rüstung ganz genau.


Ein Junge.

Eine Steinschleuder.

Ein Stein.

Und das Herz eines Löwen.


Und ganz ehrlich?

Wo finden wir genau diese Rüstung heute eigentlich auf dem Schulhof?

Denn unsere Kinder kämpfen heute oft nicht gegen echte Riesen.

Sondern gegen:

Gruppenzwang.

Coolness.

Dazugehören wollen.

Ausgelacht werden.

Nicht auffallen wollen.

Perfekt sein müssen.


Das ist doch Schulalltag, oder?

Es müssen gar nicht immer die riesigen Mobbinggeschichten sein.

Oft sind es diese kleinen täglichen Dynamiken:

„Mit wem darf ich mitspielen?“

„Bin ich cool genug?“

„Was ziehe ich heute an?“

„Lachen die anderen über mich?“


Und manchmal werden Kinder dadurch selbst zu kleinen Goliaths.

Nicht unbedingt, weil sie grausam sind.

Sondern weil sie selbst mit ihrem eigenen Selbstwert kämpfen.

Weil sie Aufmerksamkeit suchen.

Stärke suchen.

Anerkennung suchen.


Und wir Erwachsenen?

Wir stehen daneben und versuchen natürlich alles richtig zu machen.

Wir erklären:

„Mobbing ist nicht okay.“

„Du bist toll, so wie du bist.“

„Hör nicht auf die anderen.“


Aber kommt das wirklich tief im Kinderherz an?

Wird Hannelore automatisch selbstbewusster, nur weil Mama und Papa sagen:

„Du bist super, wie du bist“?


Und hört Hans plötzlich auf andere klein zu machen, nur weil er Ärger bekommt?

Oder fühlt er sich dadurch vielleicht selbst nur noch „falscher“?

Fragen über Fragen.

Psychologin bin ich jetzt nicht.

Und diese Dynamik auf Schulhöfen gibt es vermutlich schon seit Jahrhunderten.

Dieses Ärgern.

Dieses Mitlaufen.

Dieses Dazugehören wollen.


Es ist aber einfach ätzend.


Wie all die Menschen damals, die David auslachten.

„Der Kleine kann doch nichts.“

Und gleichzeitig machen wir Erwachsenen oft etwas ganz Ähnliches.

Natürlich nicht böse gemeint.


Aber wie oft hören Kinder eigentlich vor allem, was sie NICHT gut können?

„Du musst besser in Mathe werden.“

„Konzentrier dich endlich.“

„Warum zappelst du schon wieder so?“

„Du musst ruhiger werden.“

„Pass besser auf.“


Und irgendwann passiert etwas Gefährliches:

Die Selbstwertflamme geht langsam aus.

Nicht plötzlich.

Nicht laut.

Sondern ganz leise.


Und genau deshalb glaube ich mittlerweile:

Kinder brauchen nicht einfach nur mehr Leistung.

Sie brauchen Menschen, die an sie glauben.


Echte Stärke beginnt nämlich gar nicht damit, der Lauteste zu sein.

Sondern damit, freundlich zu bleiben, obwohl andere lachen.

Mitgefühl zu zeigen, obwohl Mitlaufen einfacher wäre.

Oder sich selbst etwas zuzutrauen, obwohl alle anderen zweifeln.


Und vielleicht ist genau DAS unsere Aufgabe als Erwachsene:

Nicht unsere Kinder perfekt zu machen.

Sondern ihnen langsam zu zeigen:

„Ich glaube an dich.“


Ihnen Verantwortung zutrauen.

Mut zutrauen.

Fehler zugestehen.

Nicht nur Schwächen sehen, sondern auch Stärken benennen.


Super, klingt verständlich...

aber wie baut man so eine Rüstung?

Wie baut man Selbstvertrauen wirklich auf?

Denn ehrlicherweise reicht ein schnelles „Du bist toll“ oft eben nicht aus.


Zudem, dass David natürlich Gott direkt an seiner Seite hatte (Das ist ja DIE Rüstung schlechthin)

gebe ich euch mal noch ein paar Ideen für zu Hause mit:



1. Das „David-Moment“-Prinzip


Kleine echte Verantwortung geben.

Nicht alles abnehmen.

Zeig deinem Kind, wo es gebraucht wird.

Sie lernen dadurch "Ich bin wichtig"

Nicht nur "Ich werde bewertet."


Zum Beispiel:

allein Brötchen holen,

beim Einkauf bezahlen,

etwas erklären dürfen,

jüngeren Geschwistern helfen,

einen echten Familienauftrag haben


Kinder wachsen innerlich, wenn man ihnen etwas zutraut.

So wie Gott David zutraute, sich gegen den Riesen zu stellen.



2. Nicht nur Leistung loben


Viele Kinder hören:

„Gut gemacht!“

Aber oft nur bei Noten, Leistung oder Erfolg.


Stärker ist den Mut loben, Ehrlichkeit loben, Freundlichkeit loben, Durchhalten loben.


Zum Beispiel:

„Ich fand mutig, dass du dich entschuldigt hast.“


BOOM.

Das baut Charakter-Selbstwert auf.

Nicht nur Leistungs-Selbstwert.



3. Die „David-Liste“


Eine meiner Lieblingsübungen:

Sammelt abends gemeinsam 3 Dinge, bei denen ihr heute mutig wart

(ja, auch du als Mama/Papa)

Auch Mini-Dinge zählen:

jemanden angesprochen

Fehler zugegeben

etwas Neues probiert

nein gesagt

geholfen


Dadurch lernt das Gehirn: „Ich BIN mutig.“



4. Selbstwertglas


Ein Glas aufstellen.

Wenn jemand mutig, freundlich, hilfsbereit, ehrlich war oder durchgehalten hat,

kommt ein kleiner Stein oder Zettel rein.

Nicht für perfekte Leistung.

Sondern für innere Stärke.


Und wenn das Glas voll ist könnt ihr es gemeinsam anschauen.

Zum Beispiel:

Zettel vorlesen

über Situationen sprechen

gemeinsam lachen

staunen

reflektieren

So nach dem Motto: „Wow… schau mal, wie oft du mutig warst.“


Aber bitte an der Stelle nicht anfangen, das Kind zu "Belohnen" wenn das Glas voll ist.

Kinder sollen dadurch nicht lernen:

„Ich bekomme etwas, wenn ich gut bin.“

Das erzeugt wieder Leistungsdruck.


Sie sollen lernen:

„Ich entdecke, was längst alles in mir steckt.“



5. Kinder nicht sofort retten


Ufffff schwer - ich weiß.

Aber wichtig.

Denn wenn wir sofort lösen, eingreifen oder abnehmen

vermitteln wir oft unbewusst:

„Du schaffst das nicht allein.“

Natürlich begleiten.

Aber nicht alles sofort übernehmen.


6. Fehler feiern


Schafft eine Familienkultur bei euch ein.

„Cool, wir haben was ausprobiert.“

Kinder mit starkem Selbstwert haben oft nicht weniger Fehler — sie haben nur weniger Angst davor.




Und vielleicht braucht dein kleiner David manchmal einfach eine Erinnerung daran, wie mutig,

wertvoll und einzigartig er eigentlich ist.


Genau dafür habe ich die Mutmacherkarten für Kinder entwickelt.

16 liebevolle Karten voller Ermutigung, Stärke und guter Gedanken für kleine Helden, die manchmal vergessen,

wie viel bereits in ihnen steckt.


Denn Selbstvertrauen entsteht nicht über Nacht. Es wächst mit jedem mutigen Schritt,

jedem kleinen Erfolg und jedem Menschen, der an uns glaubt.


Wenn du die innere „Rüstung“ deines Kindes im Alltag stärken möchtest, dann schau sie dir gerne an:





Lerne leichter. Lerne mit Freude.

Deine Natalie

 
 
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